Abschied nehmen

Für die meisten Menschen unter uns gibt es wenig bzw. nichts, was über ein bevorstehendes Ende des Lebens hinwegtrösten kann. Wenn der Tod absehbar ist und unmittelbar bevorsteht, ist das eine Situation, für die es keinen Vergleich gibt. Und doch kann man sich und andere darauf vorbereiten – und etwas dafür tun, auch hier eine Perspektive zu finden.

Zeit, um Abschied zu nehmen

Wer an einer hämatologischen Erkrankung im fortgeschrittenen Stadium leidet, der wird sich der Endlichkeit des Lebens immer häufiger bewusst und sich mit seinem eigenen Tod verstärkt auseinandersetzen. Für manche Menschen hat diese Art von „Absehbarkeit” vielleicht etwas Angsteinflößendes, andererseits kann sie auch ein Stück weit als Chance verstanden werden. In dieser Zeit der Auseinandersetzung finden viele Patienten den inneren Frieden, sich mit ihrem Leben, ihren Wünschen und ihrem Umfeld klärend auseinanderzusetzen. Heute weiß man, wie wichtig diese Phase des Lebens für alle Betroffenen und deren Angehörige sein kann. Abschied zu nehmen: von den Lieben, der Familie, den Freunden. Dabei gibt es ganz verschiedene Wege: etwa Briefe schreiben, die erst nach dem Tod ausgehändigt werden. Oder doch das direkte Gespräch. Unabhängig davon, welche Form bzw. welchen Weg Sie für sich persönlich wählen – es sollte Ihnen und Ihren Nächsten helfen, sich auf Ihren bevorstehenden Tod einzustellen. Und denken Sie daran: Sie werden in dieser Situation nicht alleingelassen. Offenheit ist das Wichtigste in dieser Phase des Lebens. Lassen Sie sich von Ihrem Umfeld helfen und unterstützen. Sie werden Verständnis und Dankbarkeit erfahren.

Regeln Sie alles, was zu regeln ist

Die eigene Beerdigung planen – auf diese Idee würde kaum ein gesunder Mensch kommen. Wenn man hingegen weiß, dass man in absehbarer Zeit sterben wird, ist die Beerdigung oftmals etwas, mit dem man eine gewisse Kontrolle und Einfluss über das eigene Leben hinaus erlangt – und sich auch kümmern kann um seine Lieben. Sei es, indem man ihnen die „Arbeit“ abnimmt, die Beerdigung zu organisieren. Sei es, indem man ihnen den richtigen Rahmen schafft, sich zu erinnern. Auch ein verfasstes Testament ist etwas, das nicht nur helfen kann, das „Danach“ weiter zu klären. Es kann in dieser Situation auch von Wert sein, um über sich, das Leben und auch den eigenen Tod neu nachzudenken.

Nehmen Sie sich die Freiheit, Ihre verbleibende Zeit selbst zu gestalten

Wenn absehbar ist, dass das eigene Leben zu Ende gehen wird, sind unsere körperlichen Kräfte oftmals nur noch begrenzt. Bei Blutkrebs ist man in den fortgeschrittenen Krankheitsstadien oft zu schwach und zu krank, um weite Reisen zu machen oder sich anstrengende Wünsche zu erfüllen. Doch oftmals sind es die kleinen Ziele, die Menschen in diesem Lebensabschnitt die größte Erfüllung bereiten. Versuchen Sie Ihre Zeit mit Dingen zu gestalten, die Ihnen Freude machen und Sie nicht überanstrengen. Auch dies kann helfen, sich auf den Tod vorzubereiten und einzustellen – und sich vom Leben zu verabschieden.

Die letzte Phase des Lebens kann sowohl für Angehörige als auch für Patienten schwer sein. Die Patienten haben sich vielleicht innerlich bereits mit dem Lebensende auseinandergesetzt und Abschied genommen – die Angehörigen aber möglicherweise noch nicht. Auch umgekehrte Verläufe sind zu finden, bei denen die Angehörigen den Tod des nahestehenden Menschen akzeptiert haben, der Erkrankte jedoch noch nicht. Menschen sind in der Lage, zwei widersprüchliche psychologische Zustände aufrechtzuerhalten: einerseits die Vorstellung des nahenden Todes und andererseits ein Gefühl von Hoffnung und Lebenssinn. Dennoch ist es schwer, wenn sich Patient und Angehörige in unterschiedlichen Stadien befinden, da ein offenes Gespräch über Tod und Sterben dann nicht oder nur sehr schwer möglich ist. Psychoonkologische Unterstützung kann dabei helfen, die Kommunikation zwischen Patient und Angehörigen zu verbessern, und ein Abschiednehmen zu ermöglichen.
Viele Patienten sorgen sich am Ende des Lebens unnötig, leiden zu müssen, ausgeliefert zu sein, eine Belastung für Angehörige zu sein oder Schmerzen, Atemnot zu haben – hier kann die palliative Versorgung helfen. Am Lebensende kann es auch zur sog. Demoralisierung kommen, bei der es zu Gefühlen von Hoffnungslosigkeit, Verlust von Sinngebung und Lebensaufgaben kommen kann. Auch Pessimismus, Gefühle von Hilflosigkeit oder Inkompetenz („nicht wissen, was man noch tun soll“), Versagensängste, das Gefühl des Gefangenseins, Verlust von Antrieb sowie soziale Entfremdung oder Isolation gehören zur Demoralisierung und führen zu einem Verlust des Lebensmuts.
Zeichen für eine Akzeptanz des Todes finden sich häufig in einem zunehmenden Rückzug von Interessen und anderen körperlichen Bedürfnissen wie Essen und Trinken. Häufig verringert sich das Sprechen, andere werden zurückgewiesen und die Patienten schlafen mehr sowie scheinen vollkommen durch ihre inneren Gedanken abgelenkt zu sein. Die Definition eines „guten Todes“ ist nicht einfach, dennoch sollte der Tod möglichst frei von Schmerzen sein, Würde und Autonomie berücksichtigen und Zuwendung und Liebe beinhalten.

Prof. Dr. rer. nat. Tanja Zimmermann
Professorin für Psychosomatik und Psychotherapie mit Schwerpunkt Transplantationsmedizin und Onkologie an der MH Hannover